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Ilse Martin: „Meine Zuversicht wird mir keiner wegnehmen“

Vor elf Jahren hatte Ilse Martin den „schönsten Tag ihres Leben“: Sie gründete ihre eigene Naturheilpraxis. Endlich konnte sie ihre Berufung zum Beruf machen: Menschen helfen und beraten. Ihr Weg war von vielen Herausforderungen gepflastert, aber sie schaffte es dank ihres starken Willens, ihr Leben neu zu gestalten: von alleinstehender Mutter zweier Kinder und Sachbearbeiterin zur selbständigen Heilpraktikerin.

Ilse Martin ist seit 1998 als Heilpraktikerin selbständig. In ihrer Maintaler Naturheilpraxis profitieren Patienten von ihrem Wissen in Homöopathie, Energie-Massagen, Akupunktur, Gesprächstherapie sowie Verfahren zur Allergiebehandlung oder Raucherentwöhnung. Abends ist der Tag für die 56-Jährige noch lange nicht vorbei: Am Abendgymnasium holte sie vor einigen Jahren ihre Hochschulreife nach, heute studiert sie Heilpädagogik mit pädagogischer Psychologie als Nebenfach und Psychoanalyse als Zusatzfach an der Goethe-Universität in Frankfurt. „Diese Kenntnisse kann ich wunderbar mit meinem jetzigen Angebot verbinden, denn diese Fächer kommen insbesondere den Patienten in der Gesprächstherapie zugute“, erklärt Ilse Martin. Denn Elan, Energie und Zuversicht sind schon immer ihre ständigen Wegbegleiter gewesen.

Davon dass Menschen mit Behinderung sich ständig unter Beweis stellen müssen, kann sie ein Lied singen. „Ganz egal ist es mir natürlich nicht, jedoch lernt man daraus zu wachsen und eine eigene Selbstsicherheit zu entwickeln. Wenn Leute meinen ‚Du kannst das nicht’, denke ich hingegen nur an das, was ich kann und selbst sehe, nachdem ich es versucht habe. Im Vergleich zu anderen Personen werden wir stets unheimlich gebremst in unserem Tun. Aber meine Zuversicht wird mir keiner wegnehmen“, erklärt Ilse Martin.

Aufgrund der Behinderung: unvermittelbar!

In ihrem Leben hat sie bereits viele Herausforderungen gemeistert, als Frau aber auch als Mensch mit Behinderung. Sie wurde mit einer Dysmelie am linken Unterarm geboren und nach ihrer Scheidung Anfang der 80er Jahre war sie auf einmal alleinstehende Mutter zweier Kinder und Hausfrau. „Das Arbeitsamt erzählte mir, ich sei aufgrund meiner Behinderung unvermittelbar. Zunächst war ich am Boden zerstört, als ich das hörte! Menschen mit Handicap werden einfach als benachteiligt betrachtet. Und als solche steht ihnen kein Erfolg zu. Irgendwie passt es für viele Mitbürger nicht ganz ins Bild.“ Aber Ilse Martin wusste innerlich, welche ihre Berufung war: „Bereits als Kind wollte ich Leuten beratend beistehen. Ich glaube, ich habe immer eine gewisse Stärke ausgestrahlt, sehr oft sind Menschen zu mir gekommen und haben mich um Rat gebeten, manchmal haben sie einfach gebraucht, dass ich ihnen zuhöre“, so die Heilpraktikerin.

Wie das Leben manchmal so ist, bat sich ihr eine Möglichkeit, bei einem Allgemeinmediziner eine Ausbildung zu absolvieren. Bei ihm entdeckte sie Akupunktur, seitdem ist sie völlig fasziniert von dieser Disziplin. Nach ihrer abgeschlossenen Ausbildung arbeitete sie weitere vier Jahre bei dem Arzt als Arzthelferin und wechselte dann auf eigenem Wunsch zur Kassenärztlichen Vereinigung Frankfurt als Sachbearbeiterin. Ihre Kinder waren zu dieser Zeit klein, und sie startete, zusätzlich zu dieser Stelle eine Ausbildung zur Heilpraktikerin an der Abendschule. Sie absolvierte auch ein Praktikum in Hangzhou, China, zur Vertiefung ihrer Kenntnisse in TCM (Traditionelle Chinesische Medizin).

Die Idee, sich selbständig zu machen, lockte sie immer mehr. Den Schritt machte sie, als die Arbeit im Angestelltenverhältnis für sie nicht mehr zufriedenstellend war. „Innerhalb von drei Monaten hatte ich mit Hilfe von Bekannten meine Praxisräume in meinem eigenen Haus renoviert. Der Gründungstag war der schönste in meinem Leben“, strahlt die glückliche Unternehmerin. Obwohl alle in ihrem Umfeld ihr zunächst davon abgeraten hatten…

Eigene Ziele unbeirrbar verfolgen

Abgesehen von einem individuell zugeschnittenen Bürostuhl mit verstellbarer Armlehne und einer besonderen Beleuchtung (aufgrund eines schwächeren Auges) arbeitet Ilse Martin ganz normal. „Manchmal sind meine Patienten am Anfang skeptisch, weil sie sich nicht vorstellen können, wie ich sie z. B. mit einem kürzeren Arm massieren sollte. Wenn sie sehen, wie ich vorgehe, sind sie erstaunt. Bei Massagen ist es sogar so, dass ich mit diesem Arm ihre Rückenverspannungen besser spüre!“ Ab und zu gebe es Patienten, die nicht über die Behinderung hinwegsehen können. Sie seien nicht zu überzeugen, dass dieser Unterschied eben keinen Unterschied macht. „Aber dafür habe ich genug Patienten, die bei Bedarf wieder kommen. Und wenn ich ihnen auf der Straβe begegne, meinen sie oft: ‚Seit Sie mich damals behandelt haben, habe ich keine Probleme mehr’ “; schmunzelt die Heilpraktikerin, die sich eigentlich aus diesem Grund freut, ihre Patienten nicht so häufig zu empfangen…

Seit dem „schönsten Tag ihres Lebens“ bereut sie ihre Gründung nicht. Ihr Rat für angehende Selbständige – mit oder ohne Handicap: „Egal wie verrückt es für andere erscheint, verfolgt euer Ziel unbeirrbar!“, so die energische Frau. Sie möchte auch anderen Mut machen, indem sie sich an Podiumsdiskussionen beteiligt, wie letztens bei Kompass. Dazu gehört auch netzwerken, neue Leute kennenlernen und sich austauschen mit anderen Unternehmerinnen und Unternehmern: Deshalb steht die nächste Netzwerkauktion von Kompass in ihrem Terminplan - sobald ihre Diplomprüfungen im März 2010 beendet sein werden.

Informationen: Ilse Martin, Heilpraktikerin, Hanauer Straße 11, 63477 Maintal, Tel.: 06181-441201, Fax: 06181-424498, www.heilpraktikermaintal.de

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